Bericht zum 100. Geburtstag des Liederkranz Leingartens

Natürlich ist die Frage berechtigt, wie ein Gesangverein, der den Namen eines erst 25 Jahre alten Ortes trägt, nach so kurzer Zeit bereits seinen 100. Geburtstag feiern kann. Die Antwort ist einfach: Ebenso wie die Gemeinde Leingarten trotz ihrer relativen Jugend als Verbindung zweier weit über 1000 Jahre alter Dörfer auf eine ebenso lange Vergangenheit zurückblicken kann, hat der Liederkranz Leingarten seine Wurzeln im Männergesangverein „Liederkranz" Schluchtern, der vor 100 Jahren gegründet wurde. Sowohl nach den Eintragungen im 1. Protokollbuch als auch im 1. Kassenbuch besteht am Gründungsdatum, dem 01. Juni 1896 kein Zweifel.
Beide Urkunden geben auch Auskunft darüber, dass sich die Mitglieder des neuen Vereins bereits vor dem offiziellen Gründungsdatum über die Aufgabenverteilung in einer Mai-Sitzung verständigten und einen um eine Mark erhöhten Gründungsbeitrag in die Kasse einzahlten. Der Regelbeitrag belief sich zunächst auf 30 Pfennig, ab 1897 auf 20 Pfennig monatlich. Über dieses Vermögen wachte als 1. Kassier Heinrich Schey, der dieses Amt bis 1898 und nochmals von 1906 bis 1909 innehatte. Gründungsvorsitzender war Wilhelm Werner, der zwar bereits im Folgejahr von Andreas Wörthle abgelöst wurde, 1898 und 1899 aber nochmals die Vereinsführung übernahm. Die regelmäßig abgehaltenen Monatsversammlungen wurden von den ersten Schriftführern Heinrich Hutt, Ludwig Würz und Heinrich Schey (bis 1906) in sauberer deutscher Handschrift protokolliert, geben aber von wenigen Ausnahmen abgesehen keinerlei Auskunft über den Inhalt der Beratungen. Beispielsweise heißt es im Protokoll über die Sitzung vom 18. Oktober 1897, an der Vorstand, Kassier, Schriftführer und drei namentlich nicht genannte Ausschussmitglieder teilnahmen, u. a.: „Der Vorstand geht zur Tagesordnung über und gibt einen Punkt zur Beratung an. Besprochen wurde nur weniges." Das Wenige wird aber leider auch noch verschwiegen. Informativer ist da schon das Protokoll vom 05. September 1898, in dem zwar auch nicht verraten wird, welchen Inhalt der vom Vorsitzenden zur Beratung angegebene Punkt hatte, wohl aber folgendes zu lesen ist: „Beschlossen wurde wegen dem Geburtstag des Großherzogs eine Versammlung im Gasthaus „Zur Rose" nebst 1 Fass Bier abzuhalten". Was damals gesungen wurde, ist in den vorhandenen Urkunden nicht vermerkt. Aus früheren Berichten ist nur bekannt, dass in den ersten 8 Jahren eifrig gesungen wurde, danach aber das Interesse der Aktiven derart erlahmte, dass sogar die Auflösung des Vereins erwogen wurde. Für neuen Schwung sorgte der 1906 zum neuen Vorstand gewählte Friedrich Werner, unter dessen Führung nicht nur wieder kräftig gesungen wurde, sondern die Sänger sich auch auf eine eigens dafür angekauften Bühne als Schauspieler betätigten.

Viele neue Sänger konnten in dieser Zeit als Aktive gewonnen werden. Allein im Protokoll der Monatsversammlung vom 06. Januar 1907 sind die Namen von 17 neuen Mitgliedern aufgeführt. Unter ihnen August Gessmann (Foto), der bis zum Ende seines langen Lebens, das heißt insgesamt 70 Jahre dem Liederkranz als Sänger, Ausschussmitglied und Mäzen in Treue verbunden blieb. Etwa noch vorhandene Zweifel an der Lebensfähigkeit oder am Lebenswillen des Vereins wurden mit dem 1907 gefassten Beschluss, eine Vereinsfahne anzuschaffen, endgültig ausgeräumt.

August Gessmann im

Alter von 90 Jahren

Am 31. Mai 1908 konnte der Liederkranz Schluchtern seine Fahnenweihe unter zahlreicher Beteiligung der Nachbarvereine abhalten.


Fahnenweihe des Liederkranzes Schluchtern am 31.05.1908

Auch stellten sich nun die Aktiven mit dem Vorsitzenden Ludwig Wörthle und Josef Weinreuter jährlich mehrmals dem friedlichen Sängerwettstreit mit benachbarten Chören bei Preis- und Wertungssingen, die mit Beginn des 1. Weltkrieges abrupt endeten. Für nahezu fünf Jahre kam das Vereinsleben zum Erliegen. Doch Josef Weinreuter, der als letzter Vorsitzender bei Kriegsbeginn gezwungen war, das aktive Vereinsleben zu beenden, war auch der erste, der 1919 den Liederkranz Schluchtern zu neuem Leben erweckte und ihm im Zusammenwirken von Dirigent, Aktiven und Vorstandschaft wieder einen guten Namen in der Region verschaffte. Zum 25-jährigen Gründungsfest am 05. Juni 1921 kamen - zu heutigen Zeiten unvorstellbare - 3000 Gäste, denen diese Jubelfeier bis an ihr Lebensende in Erinnerung geblieben sein dürfte - und soweit sie noch leben - bleiben wird. Nicht etwa wegen der Qualität der Liedvorträge oder weil sonst in der Welt nichts bemerkenswertes geschehen war, sondern vielmehr wegen der wolkenbruchartigen Regenfälle, die Fest und Besucher wegzuschwemmen drohten. Die damalige Einladung und die Vorstellung der teilnehmenden Vereine und ihrer Gesangsvorträge lässt die Dimension einer solchen Veranstaltung zumindest erahnen.

 
Sängerfest in Schluchtern 1921 — Liederkranz Schluchtern und Festdamen

Nahezu apokalyptische Ausmaße hatten auch die Vereinsausgaben im Hauptinflationsjahr 1923. Den Aufwendungen in der Größenordnung von 4.999.996.869,50 Mark standen Einnahmen von lediglich 39.147,00 Mark gegenüber. Trotz des gewaltigen Defizits von fast 5 Milliarden Mark hielt sich die Panik offensichtlich in Grenzen. Im Protokoll vom 02. Januar 1924 ist lakonisch vermerkt: „Der Abmangel wurde gedeckt." Für das laufende Jahr 1924 wurde der Jahresbeitrag auf - insoweit beruhigende - 4 Rentenmark festgesetzt. Das aktive Vereinsleben war in den Folgejahren im wesentlichen durch die alljährlichen Winterfeiern und die Teilnahme an Preis- und Wertungssingen bestimmt, bei denen diverse Pokale heimgeholt werden konnten. Aber noch einmal, ebenfalls unter dem Vorsitz von Josef Weinreuter machte der zweite Weltkrieg dem Vereinsleben ein Ende. Immer weniger Sänger standen ab 1939 zur Verfügung. Im Februar 1941 mussten die Singstunden schließlich ganz eingestellt werden.

Erste Ansätze im Jahre 1947, den Singstundenbetrieb wieder aufzunehmen, bleiben noch erfolglos. Ein Chorleiter und die Vorstandschaft von 1941 standen zwar zur Verfügung oder hätten zur Verfügung gestanden, es fehlte aber noch an einer genügenden Anzahl von Sängern. 1949 war es dann endlich soweit. Am 05. Januar 1949 wurde Anton Weinreuter anstelle des inzwischen völlig erblindeten Josef Weinreuter zum 1. Vorstand gewählt. Sein Stellvertreter und Kassier in Personalunion wurde Eugen Spohn. Schriftführer mit einer erfreulich leserlichen Handschrift Alfred Becker und Chorleiter wurde Adam Fehn. Um der leeren Vereinskasse wenigstens den Boden zu bedecken, beschloss man eine Sammlung unter den Vereinsmitgliedern durchzuführen. Als beachtlicher Bodensatz ergab sich ein Betrag von DM 225,00.

In der ersten Singstunde nach dem Krieg, am 18. Januar 1949, sangen 36 Männer nach einer Stunde Üben das Silcherlied -Zu End- wenn auch noch nicht vortragsreif, wie das Protokoll höflich vermerkte, jedenfalls bis zu End.

Mit erstaunlichem Mut und Optimismus sprach sich eine Delegation des Liederkranz Schluchtern bei einer Einladungsversammlung des Liederkranz Schwaigern im Februar 1949 für die Teilnahme an einer für den Mai 1949 in Schwaigern geplanten Sängerfest mit Wertungssingen aus.

Der olympische Gedanke stand zweifellos Pate: Fleißig geübt - dabei gewesen mit 74,5 Punkten im Mittelfeld (gerecht) bewertet. Gerecht, weil die Sänger mit ihrem Gesang zu schnell waren, was angeblich darauf zurückzuführen war, dass der 1. Tenor geschrieen hatte.

Obwohl das Gründungsdatum zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahre zurücklag, konnte natürlich erst nach erfolgreichem Neubeginn an die Durchführung eines Jubiläumsfestes gedacht werden.

Am 11. Juni 1949 beschlossen die 47 anwesenden Mitglieder im Juni oder Juli 1950 das 50-jährige Jubiläum verbunden mit einem Sängerfest und einem Wertungssingen zu feiern. Im November 1949 bestimmte der Ausschuss den Festtermin auf den 18. Juni 1950. Als Festhalle wurde der Dreschschuppen von Viktor Weinreuter ausersehen. Auf der Delegiertenkonferenz am 26. Februar 1950 einigte man sich aber mit den Gastvereinen schließlich auf den 25. Juni. Wenn man bedenkt, dass heutzutage schon das Krähen eines Hahnes in allzu früher Morgenstunde gerichtlich verboten werden kann, ist es zumindest erstaunlich, dass am 25. Juni 1950 der Musikverein Neckargartach das ganze Dorf bereits um 6.00 Uhr morgens „zum Leben brachte", ohne irgendwelche Proteste hervorzurufen. Nach gemeinsamen Kirchgang um 7 Uhr begann um 08.30 Uhr das Wertungssingen, das insgesamt in der Kategorie „schwieriger Kunstgesang" vom Gesangverein Neckargartach gewonnen wurde. Der vom Ehrenmitglied August Gessmann und seiner Belegschaft zur Sängerhalle ausgeschmückte Dreschschuppen wurde allgemein bewundert und machte - wie das Protokoll vermerkt - großen Eindruck auf die Festteilnehmer. Einschließlich des gastgebenden Liederkranz Schluchtern nahmen Mitglieder aus 30 Vereinen aus der näheren und weiteren Umgebung teil.

 

1950 — 50-jähriges Jubiläum verbunden mit Sängerfest und Wertungssingen

„Um ein Vorwärtskommen in gesanglichen Leistungen zu erzielen, wurde (in der Ausschusssitzung vom 28. Oktober 1950) beschlossen, einen neuen Dirigenten zu bestellen." Die Wahl fiel auf Eugen Würtz, der - von der Mitgliederversammlung ohne Gegenstimme bestätigt - für die folgenden 17 Jahre die musikalische Leitung des Liederkranz Schluchtern übernahm. Unter seiner Stabführung gab es erstmals außerhalb von Sängerfesten Liederabende, gelegentlich mit auswärtigen Solisten.
Im Januar 1953 kam es in der Generalversammlung zu einer geheimen 34 zu 11 Abstimmung für die Gründung eines Frauenchors. Tatsächlich geschah dies auch. Ein Auftritt der Frauen im Rahmen eines gemischten Chores ist anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Gesangvereins Stockheim am 14.Juni 53 und ein weiterer bei der Weihnachtsfeier des selben Jahres in den Analen vermerkt. Danach schlief die Sache wieder ein. Über den in der Generalversammlung am 07. Februar 1954 gestellten Antrag den gemischten Chor wieder aufzulösen, wurde zwar nicht abgestimmt. Der Ersatzantrag, die Frauenstimmen auf mindestens 30 aufzustocken, bevor der Singstundenbetrieb (des gemischten Chores) wieder aufgenommen wird, hatte im Ergebnis die selbe Wirkung.

Eine Wette oder wohl mehr ein Versprechen löste August Gessmann im August 1955 zugunsten der Vereinskasse ein. Auf sein Angebot, DM 100,- zu spenden, falls fünf weitere Mitglieder zusammen denselben Betrag aufbrächten, fanden sich sogar sechs Spender, so dass der Vereinskasse DM 220,- zuflossen.

In den Folgejahren war das Vereinsleben von großen Sängerfesten, Liederabenden, Weihnachtsfeiern sowie Faschings- und Festveranstaltungen auch anderer Vereine mit Beteiligung des Liederkranz Schluchtern geprägt. Einen Höhepunkt bildete zweifellos das Leintal-Sängerfest 1962, bei dem sich allein 800 aktive Sängerinnen und Sänger sowie mehrere tausend Festbesucher in Schluchtern einfanden.

Sängerfest 1962 — Liederkranz Schluchtern

 

Ehrenmitglieder des Liederkranz Schluchtern 1962

Ein optisch eindrucksvollen Anteil hatte der Liederkranz auch an den Fastnachtsumzügen in den Jahren 1965 bis 1968, wofür sich unser langjähriger aktiver Sänger Andreas Dolch verantwortlich zeichnete. Das Jahr 1968 stellt rückblickend zweifellos eine Zäsur in der Vereinsgeschichte dar. Und dies hatte unmittelbar mit dem im Jahr zuvor gewählten neuen 1. Vorsitzenden und dem neuen Dirigenten zu tun. Bei der Generalversammlung am 25. Februar 1967 stellte der 1. Vorsitzende des Liederkranz Schluchtern, Richard Würz, sein Amt zur Verfügung. Als neuer Vorsitzender wurde Thomas Rückert und zu seinem Stellvertreter Herbert Fränznick einstimmig gewählt. Eine glückliche Wahl, wie sich in den Folgejahren zeigen sollte. Schon im Spätherbst kam für die beiden eine erste Bewährungsprobe. Die Durchführung regelmäßiger Singstunden war nicht mehr gewährleistet, weil der seit 1950 amtierende Chorleiter Eugen Würtz aus beruflichen Gründen kaum noch zur Verfügung stehen konnte. Ein Dirigentenwechsel wurde unvermeidbar. Mit Erfolg - wie man weiß - machte sich das Vorstandsduo auf die Suche nach einem jungen, dynamischen Musiker, von dem erwartet oder doch erhofft werden konnte, dass er den Fortbestand des Liederkranz Schluchtern für längere Zeit sichern würde. Dieses vordergründige Ziel wurde allerdings weit verfehlt; wenn auch in einem nicht vorhersehbaren absolut positiven Sinn.
Mit dem neuen Dirigenten begann eine neue Ära, auch wenn das Protokoll vom Februar 1968 nur schlicht vermerkte: „Am 30. Januar konnten die Singstunden unter unserem neuen Dirigenten Herrn Gerhard Noé wieder aufgenommen werden. Hoffentlich finden auch bald junge Sänger zu uns.


Gerhard Ulrich Noé — von 1968-2019 Dirigent des Liederkranzes

Eine Hoffnung, die auf eine etwas andere Weise auch in Erfüllung gehen sollte. Und das kam so: Der „Neue" war aktiv geworden. Bei der Generalversammlung am 01. März 1969 stellte der Vorstand den Antrag auf Gründung eines gemischten Chores, dem sich die stimmberechtigten Mitglieder mit 31 : 5 Stimmen bei drei Enthaltungen anschlossen. Eine für den Verein „historische" Entscheidung. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits 15 Damen ihr Interesse bekundet und sich vorsorglich beim 1. Vorsitzenden angemeldet. Und so konnte schon am 18. März 1969 die erste Singstunde des neuen gemischten Chores stattfinden. Eine Wende im äußeren Erscheinungsbild war dieses Datum jedoch noch nicht. Nach wie vor vertrat nur der Männerchor den Verein beim folgenden Leintalsängerfest am 01. Juni 1969.

Doch die Weichen auf dem Weg in die neue Zukunft waren gestellt. Zum ersten Mal stellte sich der gemischte Chor beim Sommernachtsfest am 19. und 20. Juli 1969 der Öffentlichkeit vor. Die Resonanz war freundlich zurückhaltend: „Die Lieder waren für die kurze Zeit des gemischten Chores bestens gut vorgetragen." So der Bericht in der Heilbronner Stimme. Im August 1969 wurde „auf Wunsch des gesamten Chores" beschlossen, einen Kinderchor zu gründen. Ein Beschluss, der mit der ersten Kindersingstunde am 01. September unverzüglich umgesetzt wurde.

Wieder hatte Gerhard Noé den Vorstand und die Aktiven von seinem richtigen Weg in die musikalische Zukunft des Vereins überzeugt. Damit verfügte der Liederkranz Schluchtern jetzt über drei Chöre. Der weitere Ausbau dieses durch den unermüdlichen Einsatz von Gerhard Noé und die aktive Mitarbeit des Vorstands erreichten Erfolges wurde durch zwei von einander unabhängigen Ereignissen im Jahre 1970 entscheidend begünstigt. Großgartach und Schluchtern schlossen sich zur neuen Gemeinde Leingarten zusammen und der Liederkranz Frohsinn Großgartach löste seinen gemischten Chor auf. Fast geschlossen fanden die „freigestellten" Sängerinnen den Weg nach Schluchtern und mit ihnen auch neue Sänger aus beiden Ortsteilen. Waren bisher die öffentlichen Auftritte des (Männer-)Chores auf die Teilnahme an Sängerfesten, gelegentlichen Freundschaftssingen und Vereinsfeste beschränkt gewesen, verbreitete und vertiefte Gerhard Noé konsequent das musikalische Repertoire, um ein ausreichendes Fundament für „richtige" Chorkonzerte zu schaffen. Bereits im Mai 1969 hatte für die Ausschussmitglieder festgestanden, dass möglichst bald ein Konzert unter Beteiligung des gemischten Chores stattfinden sollte.

Am 10. Mai 1970 war es dann soweit. Die bis dahin aufgewandte Mühe konnte sich hören lassen. „Hohes Niveau und großes Repertoire" bescheinigte die Heilbronner Stimme dem „neuen" Liederkranz Schluchtern, der mit Männer-, Gemischten und Kinderchor in einem zweistündigen Programm keine Minute Langweile aufkommen ließ und in einem prächtigen Finale alle drei Chöre gleichzeitig in der Trautenbusch-Schule auf die Bühne brachte. 

 
Konzert des Liederkranz Leingarten in der Trautenbusch-Schule 1970

Mit dem Herbstfest am 12. September 1970, zu dem der Liederkranz Schluchtern erstmals die alte „Grenze" überschritt und in der Festhalle feierte, vollzog sich gut ein Jahr vor der offiziellen „Taufe" der Wandel des Liederkranz Schluchtern zu Liederkranz Leingarten.

„Der Struwwelpeter" — 1970 in der Trautenbusch-Schule

An der Weihnachtsfeier am 19. Dezember 1970 in der Trautenbusch-Schule, bei der zum letzten Mal der Männerchor zu Gehör kam, führte der Kinderchor das Singspiel „Struwwelpeter" auf. Dieser erste eigene große Auftritt des Kinderchores, gemeinsam mit einem eigenen Orchester aus Reihen des Chores, löste sowohl bei den Aktiven als auch beim Publikum große Begeisterung aus. Mit einem großen Jubiläumskonzert zum 75. Geburtstag am 07. November 1971 unter Beteiligung des gemischten Chores, des Kinder- zum Jugendchor erstarkten Sängernachwuchses (60 Aktive) und Solisten wurde der Liederkranz Schluchtern feierlich „zu Grabe" getragen. In der Heilbronner Stimme war zu lesen, dass nun der Chor mit Sängerinnen und Sängern aus beiden Ortsteilen zum ersten „Gesamtleingartener Verein" geworden sei.

 
Jubiläumskonzert mit Solisten (im Bild Gabriele Prottengeier)

Ein Tondokument - die erste und bisher leider auch letzte Schallplattenaufnahme - erinnert an diese große Zeit am Ende einer 75-jährigen Vereinsentwicklung. In der Generalversammlung am 05. Januar 1972 erging mit 46:10 Stimmen der Beschluss: „Der Liederkranz Schluchtern erhält mit sofortiger Wirkung den Namen Liederkranz Leingarten."

Was Gerhard Noé in der Zeit zwischen der ersten Singstunde mit dem Männerchor des Liederkranz Schluchtern und der „Gründung" des Liederkranz Leingarten im Januar 1972 - wenn auch mit voller Unterstützung des Vorstands und unter breiter Zustimmung und Mitarbeit aller Aktiven - geleistet, initiiert, bewegt und geformt hatte, war an sich schon imponierend. Und dennoch mutet es im Rückblick eher wie ein Probelauf an. Neben der Arbeit mit dem gemischten Chor galt sein besonderes Interesse der Jugendarbeit. Die Kinder der „ersten Generation" hatten sich für höhere Aufgaben empfohlen und sich zum Jugendchor gemausert. Der Kinderchor war damit aber keineswegs passé. Immer wieder entdeckten Kinder aus beiden Ortsteilen - freiwillig oder vielleicht auch von ihren Eltern angestupst - wie viel Spaß Singen macht. Vor allem dann, wenn ein Profi (-Onkel vom Gaffenberg) die Ton-Spur legt. 
Schon bei dem am 01. Juli 1972 aus der Taufe gehobenen „Rosenfest", das später zu Recht für viele Jahre den Namen „Rosenball" trug, einer gelungen Synthese aus Chorkonzert und Ballvergnügen in festlichem, rosengeschmückten Rahmen, zeigten beide Nachwuchschöre „reife" Leistungen, denen sich der gemischte Chor nahtlos anschloss. Beifall von zahlenden Gästen zu bekommen, ist bei ansprechender Leistung fast selbstverständlich und dazu ein angenehmes Erlebnis. Ernsthafte Kritik braucht dabei kaum befürchtet zu werden

 

Rosenfest am 01.07.1972 in der Festhalle Leingarten

Anders ist dies bei Wertungssingen vor kritischen und kritikfähigen Ohren. Wohlpräpariert und mit dem notwendigen Selbstbewusstsein ersang sich der Chor am 18. Juni 1972 in Gemmingen mit der Note „hervorragend" den Spitzenplatz. Gerhard Noé wurde der Dirigentenpreis zugesprochen. Ein Erfolg, der um so höher zu bewerten ist, als er mit seiner damals erst fünfjährigen Chorleitererfahrung renommierte „alte Hasen" auf die Plätze verwies.
Laut Heilbronner Stimme hatte der Chor mit der zeitgenössischen Komposition von Strohbach „Das Wort und die Musik" erstmals die Tradition der Gesangsvorträge durchbrochen und neue Richtlinien für die Chorarbeit der Gegenwart aufgezeigt. Mit mindestens einem, nicht selten sogar zwei großen Konzerten pro Jahr, oft mit Solisten und Orchestern, und dem Rosenball zur Sommerzeit machte Gerhard Noé den Liederkranz Leingarten zu einem Begriff im kulturellen Leben der Gemeinde. Auch der Jugendchor machte sich mit eigenen, abendfüllenden Konzerten einen Namen. 
Besonders hervorzuheben ist das Singspiel „Die Reise um die Erde" zu Gunsten der Aktion Sorgenkind am 05.03.1972. Die Jugendlichen gingen mit großem Engagement an das Singspiel heran und sangen sich in die Herzen der Zuschauer.

Damals wie heute übernahm Gerhard Noé nicht einfach vorgegebene Kompositionen, sondern arrangierte sie neu oder ersetzt sie gleich ganz durch eigene.


Singspiel „Reise um die Erde" — 05.03.1972

  Musik muss man hören (können). Konzertereignisse zu beschreiben, bringt vor allem denen wenig, die nicht dabei gewesen sind. Von den vielen Höhepunkten im Laufe der Jahre soll deshalb an dieser Stelle nur stellvertretend an folgende erinnert werden: Opernkonzert am 23. September 1973 u. a. mit dem damals noch von der Mailänder Scala und der Metropolitan Opera New York weltbekannten Bariton Scipio Colombo. Möglich war dies nur durch die umfassende Unterstützung von Heinz Lang, Mitglied im Liederkranz seit 1938, Inhaber des Autohauses Lang in Karlsruhe, begeisterter Tenor-Sänger und persönlicher Freund von Scipio Colombo. Weiter große Chorkonzerte — wie man heute sagen würde „sponsored by Heinz Lang“ — folgten im April 1974 und nochmals am 09. Oktober in der Festhalle Leingarten und 16. Oktober 1982 in Karlsruhe anlässlich des Festabends „30 Jahre Autohaus Lang“. An dieser Stelle möchten wir unserem Ehrenmitglied Heinz Lang nochmals unseren Dank aussprechen. Mit Gerhard Noé und ihm haben sich zwei Engagierte und in die Musik verliebte Menschen gefunden, die durch die gemeinsam Arbeit dem Chor viele erlebnisreiche und schöne, aber auch anstrengende Stunden ermöglicht haben.


Opernkonzert 1982 - Heinz Lang (Tenor) und Thea Frohmüller (Sopran)

 


Jubiläumskonzert „30 Jahre Autohaus Lang" in Karlsruhe

Weitere Höhepunkte waren das Konzert des Jugendchores mit 80 Aktiven im Mai 1975 in Lesigny im Rahmen der Partnerschaftsfeier. Das Beethovenkonzert am 17. Januar 1976 mit der Friedenskantate „Der glorreiche Augenblick“ und dem Schlusschor aus der 9. Sinfonie „An die Freude“ und das große Unterhaltungskonzert am 22. April 1978 anlässlich des zehnjährigen Dirigentenjubiläums von Gerhard Noé.


Konzert des Jugendchores in Lesigny im Mai 1975

  Am 14. April 1986 trat der Chor erneut den Beweis für die außerordentliche Begabung Gerhard Noés an. Ein damals in der Öffentlichkeit noch nahezu unbekanntes Stück, die „Carmina Burana von Carl Orff“ wurde in der Festhalle zusammen mit Solisten und instrumentaler Begleitung aufgeführt. Die Heilbronner Stimme schrieb: „Glanzvolle Aufführung mit einem soliden Fundament intensivster Auseinandersetzung mit diesem schwierigen Werk.

 
„Carmina Burana" in der Festhalle am 14. April 1986

Ein großes Unterhaltungskonzert 14. Dezember 1988 zum 20. Dirigentenjubiläum mit drei Chören und Combo Ensemble war der Höhepunkt dieses Jahres. Der dritte Chor neben dem Gemischten und dem Kinder- und Jugendchor war der nagelneue „Kleine Chor“. Gerhard Noé erfüllte sich zu seinem 45. Geburtstag einen Wunsch und hat den „Kleinen Chor“ ins Leben gerufen. Nicht etwa als Konkurrenz zum gemischten Chor, sondern als zusätzliches „Instrument“ zur Interpretation von Gospels, Spirituals und moderner Arrangements alter Meister.


Singspiel — „Pippi Langstrumpf"


  Singspiel — „Einen Tag nur Sultan sein"

  Auch die Kinder und Jugendlichen waren in all den Jahren mit viel Eifer dabei. Mit großem Engagement wurden unter anderem die Singspiele „Die Bremer Stadtmusikanten“, „Einen Tag nur Sultan sein“ und „Pippi Langstrumpf“ aufgeführt. Gerhard Noé komponierte, arrangierte und studierte die Stücke ein und war zusätzlich noch für das Bühnenbild verantwortlich. Mit großem Eifer und viel Spaß bastelten, malten und konstruierten die Kinder zusammen mit Gerhard Noé — neben den normalen Singstunden — wunderschöne Bühnenbilder, die der schauspielerischen und gesanglichen Leistung einen ansprechenden Rahmen verliehen.

  Beim Gemischten Chor folgte am 21. April 1990 die Aufführung der Messe „Missa Longa“ von W.A. Mozart in der Lorenzkirche.
Das Jubiläumskonzert „25 Jahre Chorleiter“ Gerhard Noé am 24.September 1994 brachte wieder alle drei Chöre des Liederkranzes auf die Bühne. Das abwechslungsreiche Programm reichte von G. F. Händel über George Gershwin bis hin zu A. L. Webber. Das Jubiläumskonzert 25 Jahre gemischter Chor am 24. September 1994 zeigte erneut das große Repertoire des Chores, angefangen von klassischen Melodien, über deutsche Schlager bis hin zu aktuellen Musicalmelodien.


„Missa Longa" in der Lorenzkirche am 21. April 1990

 


Jubiläumskonzert „25 Jahre Gemischter Chor" mit den Solisten Renate Fleisch (Sopran) und Ulf Barnitzke (Bass)

Die Lust an dieser Arbeit und die Fähigkeit, die Chöre immer wieder für neue und auch alte Komponisten zu begeistern, haben bei Gerhard Noé bis heute nicht nachgelassen. Hinzu kommt seine Gabe, aus professionellen Solisten und Orchestermusikern und den Amateuren des Chores eine homogene Einheit zu formen, die bei den Vorträgen zweifellos vorhandene Qualitätsunterschiede vergessen macht. Es bedarf keiner großen Phantasie, wenigstens zu erahnen, wie viel Arbeit und Zeitaufwand notwendig sind, um solche Leistungen zu vollbringen. Die zahlreichen, sich jährlich wiederholenden Erfolgserlebnisse konnten Gerhard Noé aber offenbar nicht vollständig befriedigen. Dies um so weniger als der Jugend- und Kinderchor aus unterschiedlichen Gründen Auflösungstendenzen zeigte. Andere Interessen, Schulabschluss, Berufsausbildung etc. führten im Jugendbereich zu einem besorgniserregenden Mitgliederschwund. Deshalb wurde versucht, dem mit einer großen, zunächst erfolgreichen Werbekampagne im Frühjahr 1979 zu begegnen. Bei der Generalversammlung am 07. März 1980 konnte Gerhard Noé zwar von einer positiven Entwicklung berichten, die bezog sich aber vornehmlich auf den Kinderchor. Der Jugendchor war dagegen nicht mehr zu halten. Wohl deshalb fügte Gerhard Noé im September 1980 einen neuen Grundstein in das „Vereinsgebäude“ ein. Für Kinder im Vorschulalter wurde ein „Sing- und Spielkreis“ gegründet, zu dessen erstem Treffen am 18. September 1980 - 26 Kinder begrüßt werden konnten. Eine Einrichtung, die heute nicht mehr wegzudenken ist und sich gelegentlich zum „Leidwesen“ der verantwortlichen Betreuer mit heute über 40 Kinder und Jugendlichen immer noch steigender Beliebtheit erfreut.

 

Der Sing- und Spielkreis an der Weihnachtsfeier 1995: „Seefahrt nach Rio"


Der Sing- und Spielkreis präsentierte an der Weihnachtsfeier 1995 eine „Modenschau"

Durch Fleiß und Können mit den Chören ein hohes Niveau zu erreichen, ist eine Sache, dieses Niveau aber zu halten, erfordert zudem eine gehörige Portion Idealismus und Opferbereitschaft. Bei Gerhard Noé kommt dies alles zusammen. Neben den vielen jährlichen wiederkehrenden Veranstaltungen wie den Rosenball, die Winterfeier, die Sängerfeste und den Beiträgen zu den Großkonzerten der Leingartener Kulturvereine, setzte der Liederkranz mit besonderen Konzerten in den Folgejahren Akzente, die zu Recht als Höhepunkte im Vereinsleben aber auch im kulturellen Leben der Gemeinde Leingarten bezeichnet werden können.
In den über 100 Jahren Liederkranz Leingarten haben insgesamt dreizehn 1. Vorsitzende die Geschichte des Vereins bestimmt oder mitbestimmt. Zwölf von ihnen teilten sich die ersten 71 Jahre. Der Dreizehnte - für den Verein offensichtlich eine Glückszahl - , nämlich Thomas Rückert, führt den Verein seit nunmehr 34 Jahren und wird dies hoffentlich noch lange tun können. Chorleiter gab es in den 100 Jahren nur zehn. Die erste Neun gaben - die „stumme“ Zeit während der beiden Weltkriege abgerechnet - in insgesamt 58 Jahren den Ton an. Der zehnte Dirigent Gerhard Noé bestimmt seit 28 Jahren die musikalische Richtung.
Doch nicht nur den eigentlichen „Machern“ des Vereins gebührt der Dank für das jahrelange Engagement. Auch die Ehefrauen und die ganze Familie haben maßgeblichen Anteil an dieser erfolgreichen Arbeit. Ganz besondere Dank gebührt hierbei Anni Rückert, die durch ihren unermüdlichen Einsatz bei allen Gelegenheiten, angefangen bei der Singstunde bis hin zum Gassenfest und zu sämtlichen Konzerten, ihrem „Vorstand“ den Rücken gestärkt hat und maßgeblich zum Gelingen aller Veranstaltungen beigetragen hat.
Gerhard Noé und Thomas Rückert sind für den Liederkranz Leingarten ein Glücksfall. Vielleicht wäre der Verein auch ohne diese beiden 100 Jahre alt geworden; aber ganz sicher nicht das, was er heute ist und hoffentlich in Zukunft bleiben wird.

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