Erschienen in der Heilbronner Stimme - 09.06.2021

Der eigentliche hundertste Geburtstag war zwar erst am 01. Juni 1996, gefeiert wurde aber schon am 05. Mai. Vor 400 Gästen überreichte Landrat Klaus Czernuska die Zelterplakette an Thomas Rückert. Diese Plakette, benannt nach dem 1758 geborenen Musikpädagogen, Komponisten und Dirigenten -Carl Friedrich Zelter, wurde 1956 vom Bundespräsidenten Theodor Heuss gestiftet, um damit Chorvereinigungen auszuzeichnen, die sich in langjährigem Wirken um die Chormusik und das Volkslied verdient gemacht haben.

Im Jubiläumsjahr war der 16. November für das Festkonzert „Die Jahreszeiten“ von Joseph Haydn vorgesehen. Die intensiven Proben zeigten, dass die Zeit bis zum Aufführungstermin nicht ausreichen würde. Das Mannheimer Bach Kollegium, das den instrumentalen Teil des Konzerts übernehmen sollte, sagte seine Teilnahme wegen Terminschwierigkeiten ab und rettete so den Chor vor einer denkbaren Blamage. Als neuer Konzerttermin wurde der 19. April des Folgejahres festgelegt. Es blieb also wieder viel Zeit zum Üben. Und wie sich herausstellte, hatte sie diesmal bis zum großen Auftritt ausgereicht. Doch zuvor standen noch zwei besondere Ehrungen an. Am 25. Februar 1997 überreichte Bürgermeister Hermann Eppler dem Liederkranzkassier Wolfgang Betz für über zwanzigjährige ehrenamtliche Tätigkeit die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg. Gleichzeitig beglückwünschte er Thomas Rückert zu 30 Jahren Vereinsvorsitz. Am 19. April folgte dann ein Konzert der Spitzenklasse. Obwohl an diesem Tag in der Heilbronner Stimme über die Chöre im Unterland zu lesen war: „Sie singen alle und alle heute“, war die Eichbotthalle mit über 700 begeisterten Zuhörern bis auf den letzten Platz besetzt.

 

Die nächste Jubelfeier stand schon im Jahr darauf auf dem Programm. Gerhard Noé konnte nämlich sein dreißigstes Jahr als Chorleiter des Liederkranz Leingarten feiern. Natürlich gab es ein entsprechend großes Jubiläumskonzert unter dem Titel: „Leingartener Mélange". Mit vier Solisten des Stuttgarter Staatstheaters brachte der Chor einen Aus- und Querschnitt aus 30 Jahren Chorgesang unter der Stabführung von Gerhard Ulrich Noé.

Auch 1999 gab es wieder etwas zu feiern, nämlich das 75-jährige Jubiläum des Zabergäu-Sängerbundes. In sechs Chorkonzerten feierten die 25 Mitgliedsvereine ihren Sängerbund. Mit dabei waren am 18. Juli der Kinder- und Jugendchor beim „Tag der Jugend“ und der Kleine Chor (Tonitus) am Abend desselben Tages beim „Festival der Jungen Chöre“. Doppelt so alt wie der Zabergäu-Sängerbund wurde im selben Jahr der Schwäbische Sängerbund.

Im Rahmen seiner Reihe „Straße der Chormusik“, mit der dieses Ereignis gefeiert wurde, führte der Liederkranz - nach dem 14.04.1986 - am 6. November zum zweiten Mal die „Carmina Burana“ von Carl Orff auf, diesmal aber mit großem Orchester, Solisten und einem Tanzensemble. Und es wurde wieder ein grandioser Erfolg. Professionelle Solisten des Staatstheaters Stuttgart, das Bachkollegium Mannheim, die Aktiven aus dem Kinder-, Jugend- und gemischten Chor sowie ein Tanzensemble der Amsterdamer Hochschule der Künste hatte Gerhard Noé zu einem harmonischen Miteinander verbunden, das sich den hohen Anforderungen von Orffs Meisterwerk gewachsen zeigte.

 

1999 hieß es auch Abschied nehmen. Nicht nur von einem ganzen Jahrtausend, sondern auch vom Probenlokal im alten Gemeindehaus in der Badener Straße. Im Oktober war im Eichbott das neue Kulturgebäude eingeweiht worden, das im kommenden Jahrtausend neue Heimstatt für den Liederkranz werden sollte. Die ersten Singstunden dort aber waren enttäuschend. Die Akustik war miserabel oder wie Gerhard Noé es ausdrückte: „stark gewöhnungsbedürftig.“ Verschiedene in der Folgezeit durchgeführte Dämmmaßnahmen konnten den Mangel nicht gänzlich beheben aber zumindest verbesserte sich die Akustik nachhaltig. Für den Wohlklang im Kulturgebäude sorgte auch der neue Konzertflügel, den der Liederkranz - sozusagen für die Gemeinde Leingarten - mit einem Zuschuss der Stiftung „Kunst, Kultur und Denkmalpflege“ der Kreissparkasse Heilbronn beschaffen durfte. Auf eigene Kosten kam noch ein Yamaha Clavinova für den Singstundenbetrieb hinzu.

Das Jahr 2000 diente musikalisch der Repertoirepflege und der Vorbereitung eines weiteren großen Konzerts, das als erstes und einziges in der Geschichte des Chores zweimal aufgeführt werden sollte: „Das Alexanderfest“ von Georg Friedrich Händel. Am 02. November 2001 in Leingarten und am 03. November in Asperg, wo Gerhard Noé als Oberstudienrat lehrte. Natürlich hatte er auch dort einen Chor mit dem schönen Namen: E.L.F.E.N. (Eltern.Lehrer.Freunde.Ehemalige.Neue.) Dieser Chor stand in beiden Konzerten zusammen mit dem Liederkranz auf der Bühne. Beide Konzerte waren mit jeweils 500 Besuchern ausverkauft.

2002 feierte Thomas Rückert seinen 70. Geburtstag. Ihm zu Ehren gab der Chor am 25. Januar 2003 ein Festkonzert unter dem Titel „2. Leingartener Melange“ mit Beiträgen aus Konzerten der 35 Jahre, die er bis dahin 1. Vorsitzender des Liederkranz Leingarten gewesen war. Die musikalische Leitung hatte, wie auch bei den Konzerten, aus denen die Beiträge stammten, natürlich Gerhard Ulrich Noé. Zu den Wahlen bei der Generalversammlung am 03. Mai trat Thomas Rückert dann nicht mehr an. Inzwischen hatte er 36 Jahre und 67 Tage das Amt des 1. Vorsitzenden ausgeübt und sein 71. Lebensjahr vollendet. Aus gesundheitlichen Gründen wollte er sich den Stress, der mit diesem Posten verbunden ist, nicht mehr antun. Gewählt wurde er aber trotzdem; und zwar als Ehrenvorsitzender. Sein Nachfolger wurde Eckard Friedrich, bisher 2. Vorsitzender. Den musikalischen Glanzpunkt des Jahres setzte der Jugendchor mit dem Musical „Casting“ am 5. Juli. Einen weiteren Höhepunkt gab es am 16. Dezember bei Gerhard Noé in Asperg, der drei Tage zuvor 60 Jahre alt geworden war.

  

Am 15. Mai 2004 wurde das nächste Projekt realisiert. Eine Revue des 20. Jahrhunderts mit dem Titel: „Mixed Pickles.“ Mit Melodien von Paul Linke begann die Reise durch das hinter uns liegende Jahrhundert. Auf Schlager der zwanziger Jahre, unvergessene Sketche wie Wilhelm Bendows „Auf der Rennbahn“ und Tanzeinlagen mit den „X-Lights“ – fünf jungen Damen aus Asperg –  folgten Bilder auf der Bühne und auf der Leinwand als Video-Projektion aus den schweren Zeiten des zweiten Weltkriegs und den Jahren des Wiederaufbaus. Nachhilfe in Politik gab es von „Häberle und Pfleiderer“ mit der berühmten „Friedenskonferenz.“ Die „Italienreise“ - u.a. mit der roten Sonne, die bei Capri im Meer versinkt – illustrierte musikalisch die neue Reiselust der Deutschen und ihre Sehnsucht nach dem Süden. Musik von ABBA, Andrew Lloyd Webber und anderen charakterisierte das ausgehende 20. Jahrhundert. Für die Ideen und deren Realisation zeichnete wie immer Chorleiter Gerhard Noé verantwortlich.

Im November 2004 wurde Thomas Rückert von Bürgermeister Eppler mit der Leingartener Verdienstmedaille für hervorragende ehrenamtliche Dienste ausgezeichnet. Wenig später starb am 04. Dezember sein langjähriger Stellvertreter, 2. Vorsitzender und Singwart Herbert Fränznick im Alter von 82 Jahren. Im Frühjahr begann dann die Vorbereitung für das „Requiem“ von Giuseppe Verdi, das noch bis zum großen Tag am 08.April 2006 für Beschäftigung sorgte. Ab dem 13. September hieß das Thema nur noch: „Requiem“. Aber sanfte Ruhe versprach dieses Thema ganz und gar nicht. Bis zum Konzert wartete noch viel Probenarbeit. Am Ende des Jahres 2005 lag der April 2006 aber scheinbar noch in weiter Ferne.

In den verbleibenden dreieinhalb Monaten – abzüglich der Weihnachts- und Winterferien – flossen dann bildlich gesprochen noch viel Blut, Schweiß und Tränen. Gerhard Noé hätte wahrscheinlich kiloweise Nervenbalsam brauchen können, schaffte es aber auch so. Die normalen knapp zwei Singstunden pro Woche reichten am Ende natürlich nicht aus, das Werk in der gewünschten Weise zum Klingen zu bringen. Zusatzproben - die letzten am Aufführungsort in der Schwaigerner Stadtkirche - brachten dann aber die notwendige Sicherheit, die zum Gelingen des Konzerts am 08. April maßgeblich beitrug. 480 Zuhörer erlebten eine dramatisch monumentale Aufführung der „Messa da Requiem“ mit einem hervorragenden Solistenquartett und einem überragenden Gerhard Noé, dem es gelang, die 50 Orchestermusiker, den 80-köpfigen Chor und die vier Vokalsolisten zu einer Einheit „auf höchstem Niveau“ (HST) zu formen. Von den Konzerten 1987 und 1999 „Carmina Burana“ von Carl Orff, 1990 „Missa Longa“ von W.A.Mozart, 1997 „Die Jahreszeiten“ von J.Haydn und 2000 „das Alexanderfest“ von G.F.Händel war Verdis „Messa da Requiem“ das musikalisch schwierigste Werk, das der Liederkranz Leingarten jemals gesungen hat.

Nach diesem Kraftakt war zunächst einmal Erholung angesagt und das in Form des Jahresausflugs nach München. Im Sommer begannen dann – jedenfalls für Gerhard Noé – zum letzten Mal Ferien. Er ging nämlich in Pension. Zu tun gab es dennoch genug. Das Programm für die Konzertreise im kommenden Jahr in Leingartens Partnergemeinde Asola in Norditalien war vorzubereiten. Doch zuvor war bei der Generalversammlung am 09.03.2007 eine wichtige Entscheidung zu treffen. Haupt-Tagesordnungspunkt war die Neuwahl des ersten Vorsitzenden. Zum Nachfolger von Eckhard Friedrich wurde ohne Gegenstimme Jochen Rummel gewählt.

Nach inzwischen fleißigem Üben nahm am 17. Mai 2007 ein Großraumbus mit 74 Fahrgästen an Bord einen langen Weg unter die Räder. 13 Stunden einschließlich Pausen dauerte die Fahrt. Dann war Asola erreicht. Eine Reise vom Regen in den Sonnenschein, zu gutem Essen und zu interessanten Informationen über die Zubereitung von Hartkäse und über die Vergangenheit Asolas als Garnisonsstadt mit mehr Soldaten als Einwohnern. Auch ein Besuch Veronas stand auf dem Programm. Am 19. Mai gab der Liederkranz Leingarten dann zusammen mit dem gastgebenden Chor Santa Cecilia in der Kathedrale di Sant‘ Andrea ein Konzert. Auch wenn die verbale Verständigung nur mühsam gelang, war die musikalische Kommunikation problemlos. Der Besuch in Asola hat – wenn auch im Kleinen – Europa wieder ein Stück zusammenrücken lassen.

Das nächste musikalische Ereignis ließ nicht lange auf sich warten. Am 01. Juli veranstaltete der Zabergäu Sängerbund ein geistliches Konzert in der Stadtkirche Brackenheim. Ein Höhepunkt der Veranstaltung war das „Regina Coeli“ von Wolfgang Amadeus Mozart, gesungen vom Liederkranz Leingarten mit Tabea Schmidt als Solistin.

Das Vereinsjahr 2008 begann am 26.Januar. Hauptakteure waren die Kinder und Jugendlichen, die unter neuen Namen die Bühne beherrschten und das Publikum begeisterten. Die Kleinen - jetzt die „Wakadudels“ - spielten die „Bremer Stadtmusikanten“. Der Jugendchor - jetzt die „Heartsounds“ - hatte die märchenhafte Musical-Komödie „Carinella“ einstudiert und eine 90-minütige Bühnenshow geboten, die keine Wünsche offenließ. Für den gemischten Chor war der erste musikalische Höhepunkt des Jahres 2008 das Frühjahrskonzert mit dem Titel: „Cinema, Cinema“. Dabei erklangen berühmte Melodien aus ebensolchen Filmen, die zwischen 1939 und 1993 gedreht wurden, sowie Musical -Kompositionen aus „Joseph“ (A. L. Webber) und „The Wizzard Of Oz“ (Harold Arland) mit eingestreuten Spielszenen.

 

Im September begannen dann die Vorbereitungen zum Konzert am 01. November 2008: Robert Schumanns „Der Rose Pilgerfahrt.“ Zusammen mit dem Madrigalchor Vollmer aus Güglingen standen dann 125 Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, dazu fünf Solisten und 32 Orchestermusiker. Die erfolgreiche Zusammenarbeit des Liederkranz mit dem Madrigalchor Vollmer aus Güglingen wurde mit großem Beifall bedacht.

Diese Zusammenarbeit setzten die beiden Chöre im Juli 2009 beim Chorfest des Schwäbischen Sängerbundes in Heilbronn mit der "Première Messe" von Charles René fort.

Das Jahr 2010 begann erfreulich. In der Hauptversammlung am 10.Februar wurde Thomas Rückert für 60-jährige Vereinstreue geehrt. Die „Première Messe“ führte der Liederkranz dann ein weiteres Mal ohne den Madrigalchor und nur mit Orgelbegleitung am 24. April 2010 in der Lorenzkirche in Leingarten auf. Unter der Leitung von Gerhard Noé vollbrachte der gemischte Chor damit eine bemerkenswerte Leistung, die von Andreas Benz an der Orgel einfühlsam unterstützt wurde. An diesem 24. April kam auch der Chor Santa Cecilia aus unserer italienischen Partnergemeinde Asola, zu einem gemeinsamen Konzert nach Leingarten. Auf der Empore der Lorenzkirche fanden beide Chöre gerade so Platz, um gemeinsam das "Ave Maria" von Jacob Arcadelt und das "Ave Verum" von W.A. Mozart zu singen. Begonnen hatte der Liederkranz mit dem "Cantique de Jean Racine op. 11" von Gabriel Fauré.

 

Am 23. Oktober gab es dann ein großes Herbstkonzert. Unter dem Titel: „Scherzo - Lieder und Texte, die lachen machen“ boten der gemischte Chor, die Heartsounds und der Tonitus eine Mischung aus heiteren, teils witzigen Liedern, Gedichten und Sketchen aus dem 17. und 18. Jahrhundert bis zum 20. Jahrhundert. Dazu sangen vier Solisten, ein Pianist sorgte für die ab und an notwendige Begleitung und alles im Griff und unter Kontrolle hatte wie immer Gerhard Noé, der nun schon im 43.Jahr beim Liederkranz am Pult stand.

So erfreulich das Jahr 2010 mit der Ehrung von Thomas Rückert für 60 Jahre Vereinstreue begonnen hatte, so traurig begann das Folgejahr. Am 27. Januar 2011 verstarb Thomas Rückert kurz vor Vollendung seines 79. Lebensjahres. 36 Jahre lang war er der 1. Vorsitzende des Liederkranz Leingarten gewesen. Länger als alle seine Vorgänger seit Gründung im Jahr 1896. Und wie keiner vor ihm hat er den Liederkranz nachhaltig geprägt und zu dem gemacht, was er heute ist.

Doch das Leben geht weiter; auch und vor allem das musikalische. Zunächst beim Sängernachwuchs mit zwei Mini-Musicals am 21. Mai im Rahmen eines kleinen Frühsommerkonzertes , später am 10. Juli mit einem Auftritt bei „Kids&Teens in Concert“ in Stetten und noch einmal am 05. November im Musical „Die tollen Trolle“.

Für das Jahresende war wieder ein größeres Konzert geplant. Passend zur Weihnachtszeit sollte am 03. Dezember 2011 in der Lorenzkirche „Der Stern von Bethlehem“ erstrahlen. Die von der Heilbronner Stimme als „musikalische Sternstunde“ beschriebene glanzvolle Aufführung sahen und hörten über 400 Besucher. Gerhard Noé, nunmehr seit 45 Jahren Dirigent, musikalischer Leiter, Regisseur, Bühnenbildner und vieles mehr, hatte damit einen weiteren musikalischen Höhepunkt gesetzt, der das Publikum schlicht begeisterte.

 

Man kann von einem Chor wie dem Liederkranz Leingarten natürlich nicht in jedem Jahr ein großes Konzert erwarten. Aber man kann es immerhin für das nächste Jahr ankündigen und planen. Arbeitstitel: „Sing and Dance“, Auch wenn es im konkreten Fall erst im darauffolgenden Jahr realisiert werden konnte. Gesungen wurde aber auch im Jahr 2012. Vom 16. Bis 20. Juli gab es in Leingarten „Kultur auf dem Markt.“ Drei der vier Liederkranz Chöre waren am 19. Juli vor über 300 Zuhörern dabei.

2013 wurde dann das Jahr des Sängernachwuchses. Zweimal am 10. und 11. Mai brachten die Heartsounds, unterstützt von den Wakadudels, das Musical nach dem Roman von Rudyard Kipling „Das Dschungelbuch“ mit Melodien von Konstantin Wecker, den Ohrwürmern aus dem gleichnamigen Walt Disney Film und drei Songs von Gerhard Noé, der wie bei allen Projekten des Liederkranz Leingarten die musikalische und die choreographische Leitung hatte. Die Resonanz war überwältigend. Über 500 Gäste spendeten an beiden Konzertabenden begeistert Beifall.

Aber auch der Tonitus ließ am 09.12.2013 beim Konzert der jungen Chöre in Brackenheim mit der Vocalvariante „Air“ von Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 3 von sich hören. Ein besonderes Datum im Jahr 2013 war der 10. Dezember. An diesem Tag wurde Gerhard Noé, bis dahin seit 46 Jahren Chorleiter des Liederkranz Leingarten, 70 Jahre alt.

Das schon 2012 für das Frühjahr 2013 angekündigte und dann in den Juni verschobene Konzert „Sing and Dance“ fand schließlich am 01. Februar 2014 statt. Neu war nicht nur der Termin, sondern auch der Titel: „Der Chor tanzt.“ Zu den vom Chor gesungenen Operetten- und Schlagermelodien vom Walzer bis zum Jive bewegten sich die Tanzpaare des ATC Blau-Gold Heilbronn und die Ballettgruppe der Freiberger Musikschule anmutig über die große Tanzfläche des Kulturgebäudes. An diesem Abend durften auch das Publikum in den Pausen und am Schluss des Bühnenprogramms auch die Chormitglieder selbst tanzen.

Nach 2013 spielte der Sängernachwuchs auch 2014 eine, wenn nicht die Hauptrolle. Gleich zweimal standen die Sängerinnen und Sänger der „Heartsounds“ am 20. und 21. Dezember mit dem Musical „Scrooge“ nach der Geschichte: „A Christmas Carol“ von Charles Dickens auf der Bühne des Kulturgebäudes. Unter der Regie und der musikalischen Leitung von Gerhard Noé, der auch für das Bühnenbild, für das Arrangement der Originalkomposition von James Leisy und für den deutschen Text verantwortlich zeichnete, wussten die Mädchen und Jungen das Publikum an beiden Abenden wahrlich zu begeistern. Man kann ohne Übertreibung sagen: Für die 450 Zuschauer war dieses Musical ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.

 

Ein neues großes Konzert stand für den gemischten Chor ein Jahr später auf dem Programm: Das Oratorium „L’Enfance du Christ“ von Hector Berlioz am 12. Dezember 2015. Die Vorbereitungen für dieses Konzert hatten gut ein Jahr gedauert. Es war eine wahre Mammutaufgabe für alle Beteiligten. Die Hauptlast lag – wie üblich – auf den Schultern von Gerhard Noé, dem musikalischen Leiter; Bühnenbildner und Regisseur in Personalunion. Er hatte das Oratorium als semiszenische Aufführung konzipiert, um dem Publikum zur Musik auch etwas für das Auge zu bieten. Begleitende Spielszenen und virtuose Tanzeinlagen der Ballettgruppe „Different Faces“ von der Jugendmusikschule Freiberg/Pleidelsheim fügten sich mit einer eindrucksvollen Kulisse zu einem überzeugenden Gesamtbild. Langanhaltender Beifall belohnte die Mitwirkenden für einen gelungenen Höhepunkt im Kulturleben der Gemeinde.

 

2016 war das Jahr der Vorbereitung für zwei musikalische Großereignisse in den beiden folgenden Jahren. Zum einen das Musical „Peter Pan – fliege deinen Traum“ am 06.und 07. Mai 2017. Zum anderen das Doppelkonzert zum 50-jährigen Dirigentenjubiläum von Gerhard Noé am 10.und 11. März 2018. Das Jahr 2017 begann aber mit einer ersten musikalischen Sternstunde. Im Rahmen einer ökumenischen Bibelwoche dirigierte Ursula Bopp an ihrem 60. Geburtstag die „Missa Lumen“ von Lorenz Maierhofer mit Streichern, Orgel, Soli und einem 100-köpfigen Projektchor mit Sängerinnen und Sänger aus zehn Chören, die Ursula Bopp im Raum Heilbronn leitet. Der Liederkranz Leingarten, dessen Vizedirigentin und Altsängerin sie ist, sang zum Abschluss dieses Abends Felix Mendelssohn – Bartholdys „Jauchzet dem Herrn alle Welt“.

Bei den Vorbereitungen des Auftritts der Wakadudels und der Heartsounds im Musical „Peter Pan“ waren nicht nur die Protagonisten, sondern auch mehrere Eltern und Chormitglieder beteiligt. Gerhard Noé hatte wie bei allen früheren Musikereignissen das Bühnenbild entworfen. Viele fleißige Hände waren notwendig und beteiligt, den Entwurf in ein buntes Spektakel umzusetzen. Am 06. Mai war es dann so weit. Im ausverkauften Kulturgebäude begeisterte eine voll konzentrierte Truppe mit schauspielerischen Fähigkeiten und mitreißenden Liedvorträgen das Publikum. Viele Hauptrollen waren doppelt besetzt. Nicht etwa, weil die Darsteller mit zwei Auftritten hintereinander überfordert gewesen wären, sondern weil möglichst viele der jungen Sängerinnen und Sänger ihr Können unter Beweis stellen wollten. Und man kann wirklich nicht sagen, welches die erste oder die zweite Besetzung gewesen ist. Beide waren hervorragend.

Das Jahr 2018 war für den Liederkranz Leingarten ein ganz besonderes. Denn es gab etwas Großes zu feiern. Am 09. und am 10. März erlebte Leingarten in der Lorenzkirche ein Doppelkonzert, das die Großkonzerte früherer Jahre in den Schatten stellte. Und dafür gab es einen triftigen Grund. Gerhard Ulrich Noé vollendete in diesem Jahr sein fünfzigstes Jahr als Chorleiter des Liederkranz Leingarten. Am 30. Januar 1968 hatte er erstmals beim Liederkranz Schluchtern den Taktstock gehoben. Damals war es noch ein reiner Männerchor. Doch schon ein Jahr später erweiterte Gerhard Noé den Liederkranz zum gemischten Chor. Und noch im selben Jahr gründete er einen Kinderchor. Im September 1980 kam der Sing- und Spielkreis für Kinder im Vorschulalter dazu. Und 1986 schließlich der „Kleine Chor“. Drei dieser vier Chöre hatten Namen, nämlich: „Heartsounds“, „Wakadudels“ und „Tonitus“. Nur der gemischte Chor blieb weiter der gemischte Chor. Nach fünfundzwanzig Jahren Chorleitung erhielt Gerhard Noé 1993 die silberne Chorleiterehrennadel. Dass er noch weitere fünfundzwanzig Jahre dem Liederkranz treu bleiben würde, hatte damals niemand gedacht. Doch in diesem Jahr war es so weit: Gerhard Noé war seit dem 30. Januar 2018 fünfzig Jahre Dirigent des Liederkranz Leingarten. Seit seinem Beginn hatte er sechsundzwanzig Großkonzerte geleitet, zwanzig Rosenbälle musikalisch geprägt und ungezählte kleinere Auftritte mit dem Chor absolviert. Dazu kamen sieben Musical-Aufführungen mit dem Sängernachwuchs.

Um dies gebührend zu feiern, hatte er zwei klassische Stücke für den Samstag ausgesucht: Ausschnitte aus dem Oratorium „Die Jahreszeiten“ von Joseph Haydn und der „Carmina Burana“ von Carl Orff, die der Chor in früheren Jahren schon einmal gesungen hatte. Allerdings waren seit damals schon zwanzig Jahre vergangen. In einer Feierstunde im Anschluss an diesen Konzertabend erhielt Gerhard Noé aus der Hand von Musikdirektor Marcel Dreiling die goldene Chorleiterehrennadel des deutschen Chorverbandes. Am Sonntag gab es dann eine Premiere: Ein konzertantes Zusammenwirken zwischen der Leingartener Combination Bigband und dem gemischten Chor des Liederkranz Leingarten im „Sacred Concert“ von Duke Ellington.

Das Akkordeonorchester der Musikvereinigung Leingarten hatte am 26. Oktober 2018 unter dem Titel „Film ab“ über 200 Besucher ins Kulturgebäude eingeladen. Unter Mitwirkung des Liederkranz präsentierte es bekannte Melodien aus berühmten Filmklassikern wie beispielsweise „Fluch der Karibik“, „Winnetou“, „Avatar“, ein James Bond Medley und Musik aus Fernsehserien wie „Derrick“, „Bonanza“ oder Musicals wie „Sisteract“. Erneut konnten sich die Zuhörer überzeugen: In Leingarten ist Musikkultur zuhause.

Das Jahr 2019 bedeutete für den Liederkranz eine Zäsur – einen tiefen Einschnitt, durch den eine einzigartige Ära beendet wurde. Im Jahr zuvor hatten wir mit einem Konzertwochenende im März Gerhard Noé für 50 Jahre Chorleitung gefeiert. Die Hoffnung, ihn noch viele weitere Jahre behalten zu können, erfüllte sich leider nicht. Im neuen Jahr begannen zwar unter seiner Leitung die Vorbereitungen für ein Benefizkonzert in der Martin-Luther-Kirche Schluchtern. Doch dieses Konzert am 25. Mai sollte das letzte unter seiner Stabführung sein. Gravierende gesundheitliche Probleme ließen eine Fortsetzung der inzwischen 51-jährigen Chorleitertätigkeit nicht mehr zu.

 

 Dann ging es in die Sommerpause, ohne dass die Aktiven wussten, wie es danach weitergehen würde. Damit es weitergehen konnte, hatte sich der Vorstand intensiv um einen geeigneten Nachfolger für Gerhard Noé bemüht. Zum Probenbeginn am 19. September stand fest: Neuer Dirigent ist Johannes Schrader. Eine erste Aufgabe für ihn und den Chor war die Einstudierung eines Hymnus anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Gemeinde Leingarten, die im kommenden Jahr zur Stadt erhoben werden sollte. Zugrunde lag ein Text und eine Komposition von Anton Jillich, die von dreizehn verschiedenen Musikgruppen interpretiert wurde. Das Arrangement für den Liederkranz hatte noch Gerhard Noé besorgt. Es war die letzte Arbeit für „seinen“ Chor. Das Ergebnis ist auf einer CD zu hören, die bei der Feierstunde zur Stadterhebung vorgestellt wurde. Der letzte öffentliche Auftritt des Liederkranz erfolgte zuvor bei der Adventsfeier der Gemeinde für alle Einwohner, die das 70. Lebensjahr vollendet haben. An diesem 08. Dezember 2019 konnte niemand ahnen, dass es bis auf Weiteres kein Konzert des Chores mehr geben würde.

Das Jahr 2020 hatte noch wie gewohnt mit der ersten Singstunde am 07. Januar begonnen. Nicht wie sonst war aber, dass die Heartsounds und die Wakadudels nicht mehr singen konnten, weil für sie nach dem Ausscheiden von Gerhard Noé kein Musikpädagoge mehr zur Verfügung stand. In den letzten Wochen hatte sich sein Krankheitsbild so dramatisch verschlechtert, dass er schließlich am 07.März für immer die Augen schloss. Bei einem letzten Besuch zuvor im Krankenhaus hatte er den beiden Vereinsvorständen Jochen Rummel und Jens Ewald die Lieder genannt, die bei seiner Bestattung gesungen werden sollten. Am 13. März gaben dann die Sängerinnen und Sänger Gerhard Noé das letzte Geleit.

Direkt danach wurde das öffentliche Leben wegen der Coronapandemie weitgehend eingestellt. Und natürlich durfte auch nicht mehr gesungen werden. Es war der erste Lockdown, aber nicht der letzte. Pläne für Konzerte im laufenden Jahr waren zwar schon beschlossen bzw. vereinbart. Am 22. November sollten u.a. die Liebesliederwalzer von Johannes Brahms erklingen, am 23. Oktober war die Teilnahme des Tonitus an der Waldnacht auf dem Heuchelberg vorgesehen und für den 20. Dezember war ein Gemeinschaftskonzert mit der Combination Big Band unter dem Titel „Swinging Christmas“ geplant. Aber wegen der Pandemie konnte nichts davon realisiert werden. Ebenso wenig konnten Beiratssitzungen oder eine Hauptversammlung in Präsenz durchgeführt werden. Die zurückgehenden Inzidenzzahlen (Infizierte pro 100.000 Einwohner) führten zwar zu einer Lockerung der verfügten Einschränkungen. Chorgesang war aber nur unter strengen Auflagen erlaubt. Ab 07. Juli durften dann zwanzig Aktive um 20.00 Uhr und weitere zwanzig um 21.10 Uhr für jeweils 50 Minuten wieder singen. Mit ansteigenden Inzidenzzahlen kam es ab Oktober 2020 zu einem weiteren Lockdown, so dass die Chorprobe am 27. Oktober erneut die letzte für das Jahr 2020 war. Aber trotz Corona konnten wenigsten 26 Proben durchführen werden, was vor allem daran lag, dass erstmalig in den Sommerferien durchgeprobt wurde. Am 24. November wurde schließlich doch noch die Hauptversammlung 2020 durchgeführt. Dies allerdings nur als Videokonferenz, an der 28 Vereinsmitglieder teilnahmen.

Im Jahr 2021, in dem der Liederkranz Leingarten am 01. Juni 125 Jahre alt wird, wurde bislang gar nicht gesungen. Man kann nur hoffen, dass dieser Zustand im 126. Vereinsjahr der Vergangenheit angehören und bald vergessen sein wird.

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